
Nicht alle Aquarellfarben trocknen gleich.
Manche hinterlassen eine glatte, gleichmäßige Farbschicht. Andere bilden Muster, Körnungen, Flecken oder feine Strukturen. Die Farbe scheint sich während des Trocknens selbst zu organisieren. Was zunächst wie ein Fehler aussieht, ist oft eine gezielt eingesetzte Eigenschaft: Granulation.
Viele Aquarellmaler schätzen granulierende Farben gerade deshalb. Sie verleihen einer Fläche Leben, Textur und manchmal eine gewisse Eigenwilligkeit.
Was ist Granulation?
Unter Granulation versteht man die sichtbare Struktur, die manche Aquarellfarben beim Trocknen bilden.
Anstatt sich vollkommen gleichmäßig auf dem Papier zu verteilen, sammeln sich Pigmente an bestimmten Stellen. Es entstehen dunklere und hellere Bereiche, feine Körnungen oder sogar deutlich erkennbare Muster.
Alle Farben, die solche Strukturen erzeugen, werden von den Herstellern als granulierend bezeichnet. Dabei können die zugrunde liegenden Ursachen sehr unterschiedlich sein.
Im Wesentlichen gibt es zwei Mechanismen:
- Sedimentation
- Flockung
Beide führen zu einer ungleichmäßigen Farboberfläche und werden deshalb gemeinsam unter dem Begriff Granulation zusammengefasst.
Sedimentierende Pigmente
Einige Pigmente sind vergleichsweise schwer.
Während die Farbe noch nass ist, schweben diese Pigmentteilchen nicht lange im Wasserfilm. Sie sinken relativ schnell ab und sammeln sich in den kleinsten Vertiefungen des Papiers.
Aquarellpapier ist selbst auf den scheinbar glatten Flächen voller winziger Unebenheiten. Dort lagern sich die schweren Pigmente bevorzugt ab.
Das Ergebnis:
- eine insgesamt gleichmäßige Farbfläche
- kleine dunklere Ansammlungen von Pigment
- eine leicht körnige Struktur
Je mehr Wasser verwendet wird, desto deutlicher wird dieser Effekt sichtbar. In sehr feuchten Waschungen können sedimentierende Pigmente regelrechte Landschaften aus hellen und dunklen Bereichen bilden.
Bei trockener Malweise fällt die Granulation meist deutlich schwächer aus.
Flockende Pigmente
Andere Pigmente verhalten sich völlig anders.
Sie sind nicht unbedingt schwer, besitzen aber die Tendenz, sich zu größeren Gruppen zusammenzulagern. Dieser Vorgang wird als Flockung bezeichnet.
Statt gleichmäßig verteilt zu bleiben, bilden die Pigmentpartikel kleine Klumpen oder fadenartige Strukturen.
Die Resultate können sehr unterschiedlich aussehen:
- sandpapierartige Oberflächen
- punktförmige Muster
- feine Fäden
- wolkenartige Strukturen
Besonders deutlich werden diese Effekte bei sogenannten Blüten oder Backruns, wenn Wasser in eine bereits feuchte Farbfläche läuft.
In solchen Situationen entstehen oft überraschende Muster, die sich kaum vollständig kontrollieren lassen.
Wann spricht man von starker Granulation?
Granulation ist keine Ja-Nein-Eigenschaft.
Zwischen einer kaum wahrnehmbaren Körnung und einer dramatischen Textur liegen viele Abstufungen.
Genau hier beginnt ein Problem: Die meisten Hersteller geben zwar an, ob eine Farbe granulierend ist oder nicht, machen aber kaum Angaben über die Stärke der Granulation.
Zwei Farben können beide als „granulierend“ gekennzeichnet sein und dennoch völlig unterschiedlich wirken.
Hinzu kommt, dass dieselbe Farbe bei verschiedenen Herstellern oft unterschiedlich stark granuliert. Unterschiede in Pigmentqualität, Korngröße und Rezeptur spielen dabei eine Rolle.
Wo findet man Informationen zur Granulation?
Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, stößt früher oder später auf die Website von Bruce MacEvoy.
Die Seite Handprint gilt unter Aquarellmalern seit vielen Jahren als eine der umfassendsten Quellen zum Thema Pigmente und Aquarellfarben.
Die Navigation wirkt heute etwas chaotisch und die Seite wird seit einigen Jahren nicht mehr aktualisiert. Dennoch ist sie eine wahre Fundgrube für alle, die sich für Pigmente interessieren.
Dort werden Farben zahlreicher Hersteller nach Farbton und Pigment geordnet aufgeführt. Besonders hilfreich ist eine Bewertung der Granulation auf einer Skala von:
- 0 = keine Granulation
- 1 = schwache Granulation
- 2 = deutliche Granulation
- 3 = starke Granulation
Auch wenn neuere Farben dort fehlen, bietet die Datenbank nach wie vor einen hervorragenden Überblick.
Warum Pigmente wichtiger sind als Farbnamen
Wer sich mit Granulation beschäftigt, stößt zwangsläufig auf das Thema Pigmente.
Eine wichtige Erkenntnis lautet:
Farbnamen sind oft Marketingbegriffe.
Ein „Indian Yellow“, „Sap Green“ oder „Quinacridone Magenta“ kann je nach Hersteller völlig unterschiedlich zusammengesetzt sein.
Entscheidend sind die Pigmente.
Deshalb lohnt sich ein Blick auf die kleinen Kürzel auf der Tube:
- PB = Pigment Blue
- PY = Pigment Yellow
- PR = Pigment Red
- PG = Pigment Green
- PBr = Pigment Brown
Dahinter folgt jeweils eine Nummer, beispielsweise:
- PB29 – Ultramarin
- PG7 – Phthalogrün
- PR101 – Eisenoxidrot
Diese Pigmentcodes verraten wesentlich mehr über das Verhalten einer Farbe als ihr Name.
Wer seine Farben anhand der enthaltenen Pigmente auswählt, kann Granulation, Transparenz, Lichtbeständigkeit und Mischverhalten deutlich besser einschätzen.
Warum granulierte Farben polarisieren
Granulierende Farben sind Geschmackssache.
Manche Maler lieben ihre unvorhersehbaren Strukturen. Andere empfinden sie als störend und bevorzugen möglichst glatte Farbflächen.
Für Landschaften, Felsen, Baumrinden, Wolken oder alte Mauern können granulierende Pigmente faszinierende Effekte erzeugen, die sich kaum künstlich nachahmen lassen.
Gleichzeitig verlangen sie eine andere Arbeitsweise.
Die Farbe entscheidet stärker mit.
Sie folgt nicht immer dem ursprünglichen Plan.
Ein kleines Experiment
Wer Granulation verstehen möchte, braucht keine komplizierte Theorie.
Nehmen Sie eine stark granulierende Farbe wie Ultramarin und tragen Sie sie auf drei Arten auf:
- als trockenen Pinselstrich,
- als normale Lasur,
- als sehr nasse Waschung.
Schon dieser einfache Versuch zeigt, wie stark Wasser, Papierstruktur und Pigmente miteinander interagieren.
Die interessantesten Eigenschaften einer Aquarellfarbe lassen sich oft nicht aus dem Farbton ablesen. Sie zeigen sich erst beim Trocknen.



