Mehrere Lasuren im Aquarell: Warum ein Himmel plötzlich grün werden kann

Aquarellmalerei lebt von Transparenz. Statt Farben auf der Palette vollständig zu mischen, werden häufig mehrere Farbschichten übereinandergelegt. Diese Technik wird im Deutschen meist als Lasieren oder Arbeiten in mehreren Lasuren bezeichnet. Im Englischen spricht man von multiple passes oder layering.

Besonders bei Himmelsdarstellungen kann das Lasieren jedoch zu unerwarteten Ergebnissen führen. Wer zunächst einen gelblichen Himmel anlegt und später eine blaue Lasur darüber setzt, erhält oft kein strahlendes Blau, sondern einen grünlichen Himmel. Die Ursache liegt in der Art und Weise, wie transparente Aquarellfarben miteinander interagieren.

Optische Farbmischung statt Palettenmischung

Wer Blau und Gelb auf einer Palette mischt, erhält Grün. Dasselbe Prinzip wirkt auch bei transparenten Aquarelllasuren.

Liegt eine gelbe Farbschicht auf dem Papier und wird anschließend mit einer transparenten blauen Lasur überzogen, passiert Folgendes:

  • Das Licht durchdringt zunächst die blaue Schicht.
  • Anschließend passiert es die gelbe Schicht.
  • Beide Pigmentschichten filtern unterschiedliche Anteile des Lichts heraus.
  • Das reflektierte Licht wird vom Auge als Grün wahrgenommen.

Das Ergebnis ist eine optische Mischung, die oft überraschend stark ausfällt.

Das Problem bei Himmelsverläufen

Viele Himmel enthalten warme Bereiche nahe dem Horizont. Dort werden häufig Gelb-, Gold- oder Orangetöne verwendet. Wenn später ein kräftiges Himmelblau über große Bereiche des Bildes lasiert wird, entstehen Übergangszonen.

Diese Übergänge können:

  • grünlich wirken,
  • schmutzig erscheinen,
  • ihre Leuchtkraft verlieren,
  • unnatürlich aussehen.

Besonders problematisch ist dies bei Landschaften, in denen ein klarer blauer Himmel gewünscht ist. Ein leicht grünlicher Farbstich kann den Gesamteindruck erheblich beeinträchtigen.

Pigmentwahl spielt eine entscheidende Rolle

Nicht jedes Gelb und nicht jedes Blau erzeugen dieselben Ergebnisse.

Einige Pigmente sind sehr transparent und sauber. Andere enthalten mehrere Farbbestandteile oder besitzen eine starke Eigenfärbung. Werden solche Farben übereinandergelegt, entstehen komplexe Mischungen, die schwer vorhersehbar sind.

Besonders kritisch sind:

  • Mehrpigmentfarben,
  • stark granulierende Mischungen,
  • Farben mit hohem Grünanteil.

Ein Ultramarinblau verhält sich beispielsweise anders als ein Phthaloblau. Ebenso erzeugt ein kühles Zitronengelb andere Ergebnisse als ein warmes Indischgelb.

Die Wirkung verstärkt sich mit jeder weiteren Lasur

Ein weiteres Problem entsteht durch die kumulative Wirkung mehrerer Farbschichten.

Bei jeder Lasur:

  • nimmt die Transparenz des Papiers ab,
  • wird mehr Licht absorbiert,
  • sinkt die Leuchtkraft,
  • erhöht sich die Farbsättigung.

Dadurch können Himmel, die anfangs frisch und luftig wirkten, zunehmend schwer und dunkel erscheinen.

Gerade Anfänger versuchen häufig, einen Himmel durch zusätzliche Lasuren zu „verbessern“. Oft wird das Gegenteil erreicht: Die Farben verlieren ihre Frische und wirken zunehmend stumpf.

Granulierende Farben machen das Problem sichtbarer

Granulierende Pigmente verteilen sich ungleichmäßig auf der Papieroberfläche. Werden mehrere Lasuren übereinandergelegt, entstehen Bereiche mit unterschiedlicher Pigmentdichte.

Bei gelben und blauen Lasuren kann dies zu:

  • fleckigen Grünbereichen,
  • unruhigen Übergängen,
  • unerwarteten Farbflecken

führen.

Während dieser Effekt bei Felsen oder Vegetation interessant sein kann, wirkt er im Himmel häufig störend.

Schwierigkeiten bei Korrekturen

Im Gegensatz zu deckenden Malmedien lassen sich Aquarellfarben nur begrenzt übermalen.

Ist ein Himmel durch die Überlagerung von Gelb und Blau grün geworden, sind Korrekturen oft schwierig:

  • Ein weiteres Blau verstärkt die Dunkelheit.
  • Zusätzliche Gelbtöne verstärken den Grünstich.
  • Deckende Korrekturen zerstören häufig die Transparenz.

Viele erfahrene Aquarellisten planen deshalb ihre Himmelsfarben bereits vor dem ersten Pinselstrich sorgfältig.

Strategien zur Vermeidung unerwünschter Grüntöne

Nass-in-Nass arbeiten

Anstatt Gelb und Blau in getrennten Lasuren aufzubauen, können beide Farben direkt im feuchten Zustand ineinanderlaufen. Die Übergänge wirken oft natürlicher und kontrollierter.

Warme Horizontfarben sparsam einsetzen

Ein zarter Gelbton reicht häufig aus, um Wärme im Horizontbereich anzudeuten.

Pigmente testen

Ein einfacher Probestreifen auf dem verwendeten Papier zeigt schnell, welche Farbkombinationen beim Lasieren zu Grün tendieren.

Himmel möglichst früh fertigstellen

Viele Aquarellisten behandeln den Himmel als ersten Bildbereich und versuchen, ihn mit möglichst wenigen Lasuren abzuschließen.

Komplementäre Alternativen nutzen

Manchmal eignet sich ein sehr helles Rot, Rosa oder Violett besser für warme Himmelsbereiche als ein kräftiges Gelb. Diese Farben erzeugen bei einer späteren blauen Lasur weniger grünliche Mischungen.

Fazit

Das Arbeiten in mehreren Lasuren ist eine der wichtigsten Techniken der Aquarellmalerei. Gerade bei Himmelsdarstellungen kann das Überlagern von Gelb und Blau jedoch zu unerwünschten Grüntönen führen. Ursache ist die optische Farbmischung transparenter Pigmentschichten.

Wer die Wechselwirkung seiner Pigmente kennt, Farbkombinationen vorab testet und die Anzahl der Lasuren begrenzt, kann diese Probleme vermeiden. Oft gilt beim Aquarell: Weniger Schichten führen zu klareren Farben, mehr Leuchtkraft und einem überzeugenderen Himmel.

Silke zeichnet unterwegs und experimentiert im Studio mit Farbe. Auf Skizzenlabor dokumentiert sie Reisezeichnungen, Farbstudien und andere visuelle Untersuchungen – mit Neugier, wechselndem Erfolg und ohne Anspruch auf abschließende Ergebnisse.

Ich moderiere alle Kommentare. Bitte etwas Geduld. Wenn’s schnell gehen soll, bitte per Email.

0 Kommentare

Skizzenlabor

Draußen skizzieren. Drinnen experimentieren.

Hier wird gezeichnet, beobachtet, ausprobiert und gelegentlich etwas verstanden.

Draußen entstehen Skizzen von Orten, Landschaften und Reiseeindrücken. Nicht als vollständige Dokumentation, sondern als Versuch festzuhalten, was mir aufgefallen ist und was mich beschäftigt hat.

Im Studio geht die Untersuchung weiter. Dort wird mit Farbe experimentiert: Mischungen, Kontraste, Farbharmonien, Fehlversuche und unerwartete Entdeckungen.

Skizzenlabor ist kein Portfolio und kein Lehrbuch. Es ist ein Arbeitstagebuch. Ein Ort für Notizen, Studien, Experimente und Fragen, auf die es oft noch keine Antwort gibt.

Manche Versuche gelingen. Andere liefern interessante Nebenbefunde.

Beides wird dokumentiert.

Vieles hier ist vorläufig. Fast alles ist ergebnisoffen.

Newsletter

Nicht regelmäßig. Aber immer dann, wenn etwas Interessantes auftaucht.

Keine festen Sendetermine. Keine Produktangebote. Keine Kursangebote.

Forschungskooperation

Das Skizzenlabor vermutet, dass es weitere Forschungseinrichtungen dieser Art gibt.

Kleine Institute ohne Budget, ohne Fördergelder und ohne nennenswerte Qualitätskontrolle.

Interesse an einer Zusammenarbeit? Email schicken!